Kann man Wirtschaft steuern?
von Michael May, Eschwege
Mit großem Interesse habe ich den Artikel von Prof. Dr. Dr. Rademacher in diesem Forum gelesen. Er hat viele interessante Ansätze für mögliche Wege dargestellt. Unter anderem meint er, dass die Wirtschaftswissenschaften unbedingt einer Neuorientierung bedürfen. Das stimmt, die Prognosen und Aussagen der meisten Wirtschaftswissenschaftler der letzten Jahrzehnte waren sehr ungenau oder gar falsch. In diesem Zusammenhang kam mir eine Aussage des Geophysikers Robert Geller von der Universität Tokio zum Thema “Erdbeben” in den Sinn:
“Die Forschungen zur Vorhersagbarkeit von Erdbeben haben in den letzten hundert Jahren keinen entscheidenden Fortschritt gebracht………… Es scheint unmöglich zu sein, vor großen Erdbeben verlässlich zu warnen.”
Diese Äußerung aus dem Jahr 1997 könnte in fast gleichem Maß auch für die Wirtschaftswissenschaften gelten. Insbesondere die Theorie vom dauerhaften wirtschaftlichen Gleichgewicht dürfte nicht zu halten oder gar falsch sein sein.
Wenn wir von einem dauerhaften Wirtschaftswachstum reden bedenken wir dabei nicht, dass Gesellschaften und deren Wirtschaft sich in einem permanent aus zu balancierenden Prozess befinden, was auf eine ständige Instabilität hinweist. Dies gleicht der Beherrschung eines Einrads. Komplexe Systeme wie Gesellschaften agieren und reagieren somit laufend am Rande eines kritischen Zustands. Aus solchen Systemen ist aber bekannt, dass sich dort immer wieder Spannungen aufbauen, die in mehr oder weniger großen Entladungen abgebaut werden. Dabei sind die großen “Donnerwetter” in einem proportionalen Verhältnis geringer als die mittleren und kleineren Vorkommnisse.
Gesellschaften befinden sich im Zustand nahe eines Nicht-Gleichgewichts bei dem permanenten Versuch, das Gleichgewicht irgendwie zu halten. Dabei kommt es zwangsläufig zu kleineren oder auch größeren Störungen. Soll das die großen Banken und Geldsammelstellen aller Art entlasten? Natürlich nicht. Aber die Sparer haben diesen ihre Gelder und Vermögen anvertraut und sie somit erst zu den großen Attraktoren gemacht, zu denen alles drängt. Diese sind übermütig geworden und haben ihre Stellung durchaus ausgenutzt, was zu ändern ist.
Nun meinen viele Menschen, die staatlichen Institutionen könnten uns vor zukünftigen Katastrophen schützen. Dies wiederum ist der zweite Denkfehler. Viele Staaten gerade in Europa kämpfen mit ausufernden Verschuldungen. Sicher hat die Finanzkrise diese Verschuldungen teilweise drastisch verschlimmert, was aber nichts daran ändert, dass etwa Deutschland seit nun ca. 50 Jahren ständig mehr Geld ausgibt als eingenommen wird. Die Finanzkrise kommt der Politik gerade recht, um von den eigenen Versäumnissen abzulenken.
Mit Bezug auf meine weiteren vorgenannten Aussagen zu Systemen behaupte ich, dass uns die Regierungen nicht vor weiteren Katastrophen schützen werden und dies letztlich auch gar nicht können, sondern diese nur hinaus schieben. Die nächste Blase staatlicher Verschuldung wartet doch nur darauf, sich zu entladen.
Daher scheint mir die Aussage von Prof. Dr. Dr. Rademacher zur Zukunft der verhaltensbasierten Ökonomie der Erfolg versprechende Weg hin zu einer sinnvollen Vorgehensweise zu sein. Dabei stellen sich dann folgende spannende Fragen:
Wie kann man Launen, Wünsche, Ängste, Gier und sonstige Emotionen der Menschen in mathematischen Modellen erfassen? Kann man oft irrational handelnde Wesen mit sachlichen Argumenten überhaupt erreichen? Wie bringt man Menschen dazu, ihre Komfortzone ohne Zwang zu verlassen?
Aus diesem Grund sollte die Rolle der ansonsten sehr wichtigen Mathematik nicht überschätzt werden, da komplexe Systeme nur mit unzureichenden Modellen beschrieben werden können. Um die Eingangsfrage zu beantworten: Ich meine, dass Wirtschaft nur begrenzt zu steuern ist. Dies zum einen durch das ständige Lavieren an kritischen Zuständen. Aber auch Planwirtschaft funktioniert bewiesenermaßen nicht, obwohl wir auch in Deutschland und gerade in der EU darauf zusteuern. Wir dürfen aber Mitspieler, egal wo, nicht zu groß werden lassen, denn diese erpressen uns dann mit ihrer Größe. Starke Attraktoren neigen dazu, Mono- und Oligopole beim Geld, Wissen, der Technik, der Medizin etc. auszubilden. die übermächtig werden können. Dann ist es zu einer angeblichen “Systemrelevanz” nicht mehr weit.