Die Wirtschaftswissenschaften nach der Krise – einige Hinweise zur Orientierung

Von Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher

Der vorliegende Text thematisiert notwendige Veränderungen im Bereich der Wirtschaftswissenschaften in Reaktion auf die Weltfinanzkrise. Das ist mittlerweile ein Thema in den Wirtschaftswissenschaften, aber auch darüber hinaus. Angeregt wurde der Text durch die Mitwirkung an einer Veranstaltung des Instituts der Deutschen Wirtschaft im Dezember 2009 zum Thema. Das Anliegen des Textes geht weit über die Finanzkrise hinaus und folgt einer seit langem etablierten Argumentationslinie des Club of Rome, der Global Marshall Plan Initiative und des Ökosozialen Forum Europa. Die Weltfinanzkrise ist insofern nicht Ausgangspunkt der gegebenen Empfehlungen, vielmehr ist es so, dass die Weltfinanzkrise lange vorher thematisierte Positionierungen bestätigt hat.

Was ist der Hauptbefund? Der Hauptbefund besagt, dass die Globalisierung der letzten Jahrzehnte wesentliche ordnungspolitische Regularien außer Kraft gesetzt hat, die Voraussetzung für vernünftige ökonomische Verhältnisse sind. Viele mittlerweile in der Wirkung desaströse ökonomische Positionen sind insofern nicht per se falsch, sie erweisen sich nur als falsch unter den mit Blick auf die Zielsetzung einer nachhaltigen Entwicklung inadäquaten Regulierungsbedingungen der heutigen Weltwirtschaft. Ein eventueller Vorwurf an die Wirtschaftswissenschaften zielt insofern nicht primär in Richtung falscher Theorien, sondern in Richtung auf die Nicht-Thematisierung der Voraussetzungen dafür, dass die entsprechenden Theorien zutreffen und eine positive Wirkung entfalten können.

Es liegt insofern eine Mitschuld der Disziplin in der Nutzung und Propagierung von Theorien, die zunehmend nicht mehr auf eine sich konkret entfaltende Realität passen und in der Orientierung von Studenten, Nachwuchs- und Führungskräften der Wirtschaft an Theorien, die mit der Realität nicht in Einklang stehen, ohne dass auf diesen Zusammenhang deutlich hingewiesen wurde. Damit wurden weltweit unverantwortliche Umweltzerstörung, übermäßiger Ressourcenverbrauch, globale soziale Konflikte und die Selbstbereicherung von Teilen des Systems Vorschub geleistet.

Eine Neuorientierung der Wirtschaftswissenschaften muss nun sowohl die ordnungspolitischen Voraussetzungen vernünftiger globaler ökonomischer Prozesse thematisieren (Stichwort: weltweite ökologisch-sozial regulierte Marktwirtschaft / Ökosoziale Marktwirtschaft) als auch Empfehlungen für das Handeln von Gesellschaft, Unternehmen und Individuen unter Bedingungen inadäquater weltweiter Regulierung geben. Das werden dann häufig nicht die bisherigen Empfehlungen sein, sondern Maßnahmen, die unter dem Oberbegriff „Doppelstrategie“ subsumiert werden können. Der vorliegende Text behandelt die genannten Themen nicht als wissenschaftliche Arbeit, sondern als ein Dokument, das von einer breiten Öffentlichkeit interessierter Bürger in unterschiedlichsten Kontexten genutzt werden kann. Es dient im Besonderen der Orientierung interessierter Personenkreise hin zu einer weltweiten Ökosozialen Marktwirtschaft. Hinweise auf entsprechenden Positionen des Club of Rome, der Global Marshall Plan Initiative und des Ökosozialen Forum Europa werden gegeben. Einschlägige Referenzen von Heiner Geißler, John Galtung, Horst Köhler, Hans Küng, Josef Riegler und Roger de Weck zum Thema sind als Anknüpfungspunkt aufgenommen. Die Leitlinie für eine bessere Zukunft lautet: ökosozial statt marktradikal.

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